Kaum hat Horst Köhler seinen Amtssitz geräumt, da geht auch schon das politische Gerangel um den Nachfolger los. Verständlich, denn viel Zeit bleibt nicht. Laut Grundgesetz muss binnen 30 Tagen die Neuwahl stattfinden. Bundestagspräsident Lammert hat gestern demzufolge die Bundesversammlung für den 30. Juni einberufen. In den Kreisen der schwarz/gelben Koalition scheint laut verschiedener Medienberichte eine Kandidatin ganz weit vorn zu liegen: die jetzige Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen.1
Ganz unumstritten ist von der Leyen freilich nicht. Ihr Vorstoß gegen die Sperrung von Internetseiten mit kinderpornografischem Material brachte ihr den wenig rühmlichen Spitznamen „Zensursula“ ein.2 Viele meinen auch, eine Frau ihres Standes (mit Kindermädchen und anderen Vorzügen) habe keine Ahnung vom Alltag der meisten deutschen Familien, die Beruf und Familie meist ganz allein geregelt bekommen müssen. Ganz gleich wie viel Wahrheit in diesen Antipathien steckt, sie sind zweifellos vorhanden. Sie würden die neue und erste Bundespräsidentin in ihrer Akzeptanz bei der Bevölkerung von Anfang an beschneiden.
Darüber hinaus muss man die Frage stellen, ob es hilfreich ist, einen derzeit aktiven und im Rampenlicht stehenden Politiker zum Staatsoberhaupt zu machen. Genau das hat die CDU laut Unionsfraktionschef Volker Kauder vor.3 Die Beweggründe hierfür liegen auf der Hand: Nach dem unangenehmen Quereinsteiger Horst Köhler, der den politisch Aktiven in Berlin und anderswo öfter einmal in den Brei spuckte, sucht man nun jemanden, der so viel als möglich Loyalität mit in das neue Amt bringt. Wieso sollte eine Bundespräsidentin von der Leyen urplötzlich das kritisieren, was sie bis vor kurzem noch bejaht und gefördert hat? Das haben auch andere erkannt und prompt regt sich Widerstand – nicht nur bei der politischen Opposition, sondern auch beim Volke. Auf diversen Internetplattformen tummeln sich ganze Horden von Gegnern dieser Idee. „Not my president“4 oder „NEIN zu von der Leyen – Zensursula darf nicht Bundespräsidentin werden!“5 heißt es da.6 Auf heute.de ist gar zu lesen: “Bundespräsidentin von der Leyen? ‘Dann wander’ ich aus’”. Das gemeine Fußvolk scheint zu spüren: Hier wird ein bisher heikler, messerscharfer Posten abgestumpft. Leider obliegt es der Bundesversammlung allein, wer letztlich das neue politische Gesicht Deutschlands wird.
- tagesschau.de: “Die CDU darf für Schwarz-Gelb entscheiden” ↩
- netzpolitik.de: “Die 13 Lügen der Zensursula” ↩
- FOCUS online: “Köhler-Nachfolge – Von der Leyen bis Lena” ↩
- Facebook: “Not my president!” ↩
- Facebook: “NEIN zu von
der Leyen – Zensursula darf nicht Bundespräsidentin werden!” ↩ - heute.de: “Bundespräsidentin von der Leyen? “Dann wander’ ich aus”" ↩
3. Juni 2010 um 18:43
[...] Der Dauernörgler: “Umstrittene Idealkandidatin: Ursula von der Leyen” ↩ [...]